Wie verändert KI den Job des Lehrers und Schülers?
KI und die Lehrer
Künstliche Intelligenz, oder heutzutage einfach nur KI, war vor ein paar Jahren noch nichts Weiteres als reine Science-Fiction einer weit entfernten Zukunft. Doch vor ungefähr drei Jahren wurde die Welt Zeuge der Veröffentlichung des wohl heute am meisten genutzten KI-Tools der Welt. OpenAI veröffentlichte ihre heiß geliebte generative KI ChatGPT am 30. November, und sofort begannen zahlreiche Leute, vor allem junge Schüler, diese KI für die unterschiedlichsten Dinge zu nutzen, aber auch auszunutzen.
Schüler konnten Antworten auf so ziemlich jede Frage stellen. Man konnte zum Beispiel fragen: „Hey ChatGPT, was bedeutet eigentlich das Wort XY?“ oder „Wie nennt man eigentlich einen Menschen, der XY ist?“ Doch schnell bemerkten die jungen Schüler, dass man es sich auch einfach machen kann, und sie begannen mit Nachrichten wie: „Bitte generiere mir einen Text mit mindestens 150 Wörtern“ oder „Kannst du diese Aufgabe für mich lösen?“
Zweifelsohne kann man feststellen, dass die KI den Schüler und das Lernen an sich für immer verändert hat. Selbst die Lehrer und der Lehrerberuf wurden davon beeinflusst und haben sich verändert. Allerdings stellt sich jetzt die Frage: Wie sehr haben sich der Schüler und der Lehrerjob verändert, und vor allem: In welche Richtung?
In unserer folgenden Reportage wollen wir genau dieser Frage auf den Grund gehen und haben dazu intensiv recherchiert sowie ein Interview mit einem Lehrer und zwei Schülern geführt.
Zuerst einmal: Was kann KI denn überhaupt alles? Künstliche Intelligenz kann Aufgaben übernehmen, die normalerweise von Menschen erledigt werden. Sie kann Informationen verstehen, dazulernen oder knifflige Probleme lösen. Viele nutzen KI genau deswegen, um Recherchen durchzuführen oder schwierige Aufgaben zu bewältigen. Da KI komplexe Aufgaben lösen kann, fällt es ihr umso leichter, auch einfache Aufgaben zu erledigen. Dies macht es für Schüler natürlich verführerisch, die KI zu benutzen, um die Hausaufgaben zu machen. Das führt jedoch dazu, dass sich Schüler zu sehr darauf verlassen und aufhören, selbst zu denken.
Mehr als die Hälfte der Lehrer denkt, dass KI negative Folgen für die Schüler hat, besonders in Bezug auf soziale Fähigkeiten, Kommunikation, kritisches Denken, Kreativität und Selbstständigkeit. Allerdings gibt es bereits viele Lehrer, die selbst KI nutzen. Diese sind zwar etwas offener, doch die Bedenken sind auch hier groß.
Die PH Bern hatte Anfang dieses Jahres ein Projekt gestartet, bei dem eine virtuelle Lehrerin entwickelt wurde, um jede Person auf ihrem eigenen Niveau zu begleiten.
Um genauer herauszufinden, wie KI Lehrer und Schüler beeinflusst hat, haben wir zwei Personen interviewt: einen Schüler der WMS Reinach und einen Lehrer. In diesem Interview wollten wir vor allem die persönliche Meinung der beiden Kandidaten erfahren – ihre Befürchtungen und ihre Sichtweise auf das Thema.
Wir haben den Deutsch- und Geschichtslehrer Michael Goy von der WMS Reinach interviewt und ihn gefragt, wie er die Veränderungen wahrgenommen hat, was er heute bei seinen Schülern beobachtet und was ihm bei sich selbst auffällt.
Herr Goy gehört zu den Lehrern, die sehr offen gegenüber KI sind. Er verglich die Einführung der KI mit dem „iPhone-Moment“, also einem revolutionären Ereignis, das die Welt für immer veränderte. Der Einfluss von KI auf die Schule sei stark, und die Schulen müssten ihre Unterrichtsmethoden überdenken. Er kam 2023 zum ersten Mal bewusst mit KI in Kontakt und war zunächst neugierig, wurde aber nach und nach auch skeptischer.
Er nutzt KI hauptsächlich für die Unterrichtsplanung, also zum Beispiel, um Entwürfe oder Ideen zu erhalten. Bei der Bewertung von Texten verwendet er KI wenig bis gar nicht, da er die Sprache seiner Schüler selbst einschätzen möchte.
Seiner Meinung nach bietet KI etwa gleich viele Chancen wie Risiken. Stärkere Lernende nutzen KI eher sinnvoll und nicht als Abkürzung, wovon sie dann auch profitieren. Schwächere Lernende setzen KI hingegen oft falsch ein und nutzen sie hauptsächlich zur Abkürzung, wodurch sie weniger lernen. Insgesamt sieht er jedoch keine großen Leistungsunterschiede, da die meisten Aufgaben bereits angepasst wurden.
Grundsätzlich ist er der Meinung, dass KI nicht als Abkürzung, sondern als Assistenz genutzt werden sollte, um den Lerneffekt aufrechtzuerhalten oder sogar zu verbessern. Allerdings hängt das stark von der Eigenverantwortung der Schüler ab, die er unterschiedlich ausgeprägt wahrnimmt: Einige meiden KI, manche nutzen sie klug zum Lernen und andere wiederum, wie erwähnt, als Abkürzung. Ein Verbot hält er für unmöglich und sinnlos. Stattdessen solle man sich darauf konzentrieren, wie man richtig mit KI umgeht.
Er fühlt sich durch KI nicht direkt bedroht, doch er war gezwungen, seine bisherigen Unterrichtskonzepte stark zu verändern. Trotzdem sieht er seine Rolle weiterhin als wichtig an, als Coach, der Lernende begleitet und ihnen hilft, richtig zu lernen.
Die wichtigsten Kompetenzen für die Zukunft sind seiner Meinung nach vor allem kritisches Denken, um Fehlinformationen besser zu erkennen, das Beibehalten eines soliden Grundwissens, Lesen, Schreiben und die Fähigkeit, Informationen richtig einzuordnen.
Sein Zukunftsbild der Schule besteht vor allem aus weniger klassischen Klassenzimmern und deutlich mehr Projekten, in denen auch vermehrt Zusammenarbeit gefragt ist. Die Lehrperson sei hierbei ein Coach, der die Lernenden individuell auf ihrem Weg begleitet. KI sei dabei ein Werkzeug, ersetze aber keinesfalls die Lehrperson.
Doch wie sieht das Ganze aus der Sicht der Schüler aus? Dafür haben wir uns entschieden, einen Schüler aus dem zweiten Jahr der WMS zu interviewen. Wir versuchten, ihn mit unseren Fragen zur Selbstreflexion anzuregen, fragten ihn aber auch nach den Risiken und Chancen, die er in KI sieht.
Der Schüler nutzt KI täglich, sowohl im Unterricht als auch privat. Er behauptete, dass er sie sicherlich fünfmal am Tag intensiv gebrauche. Fächer, in denen sie ihm hilft, sind Geschichte, Deutsch, Fremdsprachen und allgemeines Faktenwissen. Allerdings findet er KI für Mathe sowie Finanz- und Rechnungswesen weniger geeignet, da sie seiner Meinung nach viele Dinge nicht gut oder falsch erklärt.
Der Schüler nimmt die Auswirkungen der KI sowohl positiv als auch negativ wahr. Positive Auswirkungen seien das Zeitsparen bei Recherchen, wodurch Schüler schnell viele Informationen erhalten. Gleichzeitig sieht er, dass durch KI viele Schüler das selbstständige Arbeiten verlernen, Aufgaben nicht mehr so ernst nehmen und Kreativität sowie Eigeninitiative verloren gehen. Er selbst sieht sich dabei nicht als Ausnahme und gibt zu, ebenfalls oft in Versuchung zu kommen.
Beim Lernen fühlt er sich durch KI jedoch deutlich unterstützt. Er kann jederzeit nachfragen oder Erklärungen auf unterschiedlichem Niveau erhalten, zum Beispiel solche, die eher für Kinder gedacht sind. Dadurch braucht er viel weniger Zeit, um Lernziele zu erreichen.
Genau wie Herr Goy findet auch er, dass ein Verbot der KI sinnlos wäre, da Schüler sie ohnehin heimlich nutzen würden. Er spricht sich deutlich für eine Förderung und Integration von KI in den Unterricht aus und ist der Meinung, dass Schüler den Umgang mit KI lernen sollten. Die Lehrer sollten sie dabei so gut wie möglich unterstützen.
Seiner Meinung nach ist KI deutlich zuverlässiger, als viele Lehrer behaupten. Er habe bisher keine Situation erlebt, in der er nicht erkannt habe, dass die KI falsche Informationen geliefert hat. Er sei gut darin, zu erkennen, wann KI recht hat und wann sie komplett danebenliegt. Seiner Erfahrung nach legt KI entweder richtig oder eben völlig falsch.
Der Schüler lässt sich gern von KI Dinge erklären, da ein Lehrer etwas oft nur einmal erklärt, während er bei der KI beliebig oft nachfragen kann, ohne bewertet zu werden.
Er hat Hoffnung für die Zukunft, sieht aber auch einige Herausforderungen. Schriftliche Arbeiten könnten weniger oder irgendwann gar nicht mehr bewertet werden, da KI sie verfälscht haben könnte. Er befürchtet außerdem, dass die Schule Tests immer schwerer machen könnte, da Schüler ja einfach KI einsetzen könnten.
Der Schüler hofft, dass KI als hilfreiches Lernwerkzeug in den Schulen anerkannt wird und die Prüfungen weiterhin menschlich und fair gestaltet werden.
Abschließend kann man sagen, dass KI eine große Veränderung für die Schule darstellt. Sie beeinflusst Lehrer genauso wie Schüler – sowohl positiv als auch negativ. Die Rolle des Lehrers verschiebt sich von einer reinen Wissensquelle immer stärker hin zum Coach, während die Rolle des Schülers im Kern gleichbleibt, jedoch seine Selbstständigkeit und sein Verständnis zunehmend gefordert werden. Verhindern kann man diese Entwicklung sicherlich nicht – doch muss man das überhaupt? Wir denken nicht.
KI wird uns in den kommenden Jahren weiterhin begleiten. Viele Schulen setzen KI nun bewusst ein, da sie der Meinung sind, ein Verbot würde wenig bringen. Zudem möchten sie Lehrpersonen entlasten und Schüler gezielt fördern. Schnell lernende Schülerinnen und Schüler können so weiterarbeiten, ohne warten zu müssen.
Solange KI als Assistenz genutzt wird und nicht nur als bloße Abkürzung, wird sie in den nächsten Jahren ein nützliches Werkzeug für uns sein. Denn nach wie vor ist KI unsere Zukunft – und längst nicht mehr nur einfache Science-Fiction aus einer weit entfernten Welt.



