Depressionen im Spitzensport — Wenn Erfolg krank macht.

Egal ob Fuss­bal­ler in der Pre­mier League, Bas­ket­ball­spie­ler in der NBA oder Boxer in der UFC. Der Traum des Pro­fi­sport­lers ist ein treu­er Beglei­ter im Her­zen eines jeden Kin­des. Doch je näher die­ser Traum rückt, des­to deut­li­cher wird, dass Erfolg nicht nur Chan­cen, son­dern auch Pro­ble­me mit sich bringt. Hin­ter Rekor­den, Medail­len und gros­sen Ver­trä­gen ste­hen Men­schen, die jeden Tag hohen Erwar­tun­gen, kör­per­li­cher Belas­tung und einer stän­dig zuschau­en­den Öffent­lich­keit aus­ge­setzt sind. Tra­gi­sche Geschich­ten wie von Robert Enke oder Dele Alli sind aus­schlag­ge­bend, dass jeder Per­son, ob erfolg­reich oder nicht, der Druck zu gross wer­den kann. Die­se Druck­si­tua­tio­nen kön­nen stark belas­ten und dazu füh­ren, dass Depres­sio­nen im Pro­fi­sport immer häu­fi­ger vor­kom­men. Dank den befrag­ten Expter­ten Mar­co Strel­ler und Andrea Frei durf­ten wir neu­es über Depres­sio­nen im Spit­zen­sport ler­nen und ihre per­sön­li­chen Ein­bli­cke in das The­ma bekom­men.


Wenn Mar­co Strel­ler von dem Augen­blick berich­tet, in dem ihm erst­mals bewusst wur­de, wie ver­nich­tend psy­chi­sche Belas­tun­gen im Pro­fi­sport sein kön­nen, scheint er förm­lich wie­der auf jenem Spiel­feld in Leip­zig zu ste­hen. Ach­tel­fi­na­le 2006. Elf­me­ter­schies­sen. „Der Marsch von der Mit­tel­li­nie zum Elf­me­ter­punkt – nur 30, 40 Meter. Doch ich sah nur Licht­blit­ze. Mein Kör­per gehorch­te mir nicht mehr.“ Sein Schuss wur­de gehal­ten – und mit die­sem Fehl­schuss kam eine Inten­si­tät, auf die er zu jener Zeit nicht vor­be­rei­tet war. Eine fri­sche Lauf­bahn, auf die auf ein­mal die Erwar­tun­gen einer gan­zen Nati­on las­ten. „Damit klar­zu­kom­men, ist nahe­zu unmög­lich“, äußert er. Zum ers­ten Mal begriff er, dass men­ta­ler Druck nicht nur Par­tien bestimmt, son­dern das Leben prägt.

Auch Andrea Frei ist mit die­sem Zusam­men­bruchs­mo­ment ver­traut – aller­dings trat er bei ihr anders in Erschei­nung. Mit 19 Jah­ren befand sie sich gera­de in ihrer Debüt­sai­son der ers­ten Mann­schaft, als ihr Kör­per ver­sag­te. Pfeif­fer­sches Drü­sen­fie­ber, her­vor­ge­ru­fen durch jah­re­lan­gen Druck von aus­sen und inne­re Zwei­fel, glaubt sie heu­te. „Lan­ge Zeit habe ich ein­fach durch­ge­hal­ten. Ich nahm an, die­se hohen Erwar­tun­gen sei­en nor­mal – sowohl mei­ne eige­nen als auch die mei­nes Umfelds. Erst als mein Kör­per nicht mehr mit­hal­ten konn­te, wur­de mir bewusst, was ich mir zuge­mu­tet hat­te.“

Bei­de berich­ten vom Erfolg – doch eben­falls davon, dass Erfolg häu­fig die unge­eig­ne­ten Fra­gen auf­wirft. Strel­ler denkt zurück an sei­nen sieb­ten Meis­ter­ti­tel mit Basel. Hun­der­te Anhän­ger am Bar­füs­ser­platz, Begeis­te­rung, Bei­fall – und bei ihm: bei­na­he gefühl­los. „Je höher dein Erfolg, des­to gerin­ger wer­den die Emp­fin­dun­gen. Irgend­wann erschien mir der Auf­wand im Ver­gleich zu den aus­ge­lös­ten Emo­tio­nen zu gross.“

Eben­falls Frei spricht von einer „Lee­re“, die zunimmt, wenn man nie fest­ge­legt hat, was Erfolg tat­säch­lich bedeu­tet. „Frü­her brauch­te ich sechs Tore, damit ich es als Erfolg erach­te­te. Vier waren nicht genug. Doch glück­lich mach­te mich das nie.“ Bei­de fin­den es wich­tig zu wis­sen, dass Erfolg und Glück nicht das­sel­be sind.

Doch was hilft, wenn Druck, Lee­re oder Selbst­zwei­fel über­hand­neh­men?

Für Strel­ler stand vor allem eins im Mit­tel­punkt: das Gespräch. „Am hilf­reichs­ten war es, mit Leu­ten zu spre­chen, die ähn­li­che Erfah­run­gen gemacht hat­ten. Mei­ne Fami­lie hat mich zwar geliebt und unter­stützt – doch kei­ner konn­te nach­emp­fin­den, wie es ist, von 30’000 eige­nen Anhän­gern aus­ge­pfif­fen zu wer­den. Heu­te sieht er es als Auf­ga­be ehe­ma­li­ger Pro­fis, genau die­se Erfah­rung wei­ter­zu­ge­ben.

Andrea Frei beschreibt einen ver­gleich­ba­ren Ver­lauf. Gesprä­che mit ihrer Trai­ne­rin, Freun­den, Eltern und spä­ter mit einem Men­tal­coach sowie einer Psy­cho­lo­gin. „Je offe­ner man wird, des­to mehr Unter­stüt­zung erfährt man“, meint sie. Schlich­te Wor­te – doch der wesent­li­che Schritt aus einer Lebens­pha­se, in der sie sich selbst nicht mehr begrei­fen konn­te. Bei­de erfah­ren, wie gross die Dis­kre­panz zwi­schen dem öffent­li­chen Anse­hen von Pro­fi­sport­lern und deren tat­säch­li­chen All­tag ist. Im Fuss­ball zeigt sich das beson­ders deut­lich: „Die Leu­te ver­eh­ren dich – und ein hal­bes Jahr spä­ter ver­ach­ten sie dich“, meint Strel­ler. Nach dem Ende der Lauf­bahn kommt häu­fig ein tie­fes Loch, der Ent­zug der Wert­schät­zung, das Schwei­gen. „Vie­le stür­zen ab, wenn sie auf­hö­ren, weil auf ein­mal nie­mand mehr ihre Leis­tun­gen kom­men­tiert.“

Andrea Frei ist mit den­sel­ben Abläu­fen ver­traut, doch sie beob­ach­tet eine Ent­wick­lung, die Zuver­sicht schenkt: eine höhe­re Trans­pa­renz. „Im Team haben die Spie­le­rin­nen offen dar­über gere­det. Jede hat schon Zei­ten erlebt, in denen sie dach­te: Ich schaf­fe das nicht, ich höre auf. Die­ser Aus­tausch war unter­stüt­zend – weil man erkennt, dass man nicht allei­ne ist.“

Sowohl Frei als auch Strel­ler spre­chen sich für einen Wan­del in der Kul­tur aus: mehr offe­ne Dia­lo­ge, weni­ger Ver­bo­te und trans­pa­ren­te Hilfs­an­ge­bo­te. Sie heben her­vor, dass Unter­stüt­zung nicht erst in völ­li­ger Kri­se ange­fragt wer­den soll­te. Frei schlägt gezielt Akti­vi­tä­ten abseits des Sports vor: „Lesen, Yoga, Tref­fen mit Freun­den – Tätig­kei­ten, die dich erden und ver­deut­li­chen, dass das Leben nicht aus­schliess­lich aus Sport besteht.“ Strel­ler rät jun­gen Spie­lern: „Hil­fe suchen. Sport­psy­cho­lo­gen nut­zen. Schwä­che zei­gen ist heu­te kein Pro­blem mehr – und man wird stär­ker dar­aus.“ Der Spit­zen­sport mag im Wan­del begrif­fen sein, doch sei­ne Stren­ge bleibt unver­än­dert. Trotz­dem schil­dern bei­de ihre Erleb­nis­se nicht als Kata­stro­phen, son­dern als erfor­der­li­che Rich­tungs­wech­sel.

Fazit

Die Unter­hal­tun­gen mit Mar­co Strel­ler und Andrea Frei ver­an­schau­li­chen klar: Depres­sio­nen und psy­chi­sche Belas­tun­gen im Pro­fi­sport ent­wi­ckeln sich nicht abrupt – sie ent­ste­hen all­mäh­lich zwi­schen Erwar­tun­gen, Erfolg, Selbst­zwei­feln und dem stän­di­gen Fokus der Öffent­lich­keit. Bei­de Gesprächs­part­ner berich­te­ten, wie kör­per­li­che Beschwer­den, inne­re Lee­re oder extre­me Anspan­nung Anzei­chen waren, die sie zu lan­ge ver­nach­läs­sig­ten. Ihre Erzäh­lun­gen ver­deut­li­chen zugleich, wie ent­schei­dend Trans­pa­renz, Kom­mu­ni­ka­ti­on und fach­li­che Hil­fe sind. Weder Belas­tung noch Ver­wund­bar­keit lösen sich durch Ver­schwei­gen auf – doch sie wer­den macht­los, sobald man sie anspricht.

Die Erkennt­nis­se, die Strel­ler im Män­ner­fuss­ball und Frei im Frau­en­fuss­ball gewon­nen haben, lau­ten gleich: Psy­chi­sche Gesund­heit ist kei­ne Son­der­leis­tung, son­dern die Basis für gute Leis­tun­gen. Tra­gö­di­en wie bei Robert Enke oder Dele Alli kön­nen eine Hil­fe sein um Per­so­nen mit den sel­ben Pro­ble­men zu hel­fen und sie zu stär­ken. Ihr gemein­sa­mer Rat an jun­ge Sport­le­rin­nen und Sport­ler lau­tet des­halb: suche Hil­fe früh, defi­nie­re Erfolg für dich selbst – und sprich dar­über, bevor es zu spät ist.


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