Politik im Hochformat

Zwi­schen Tages­schau und Insta­gram

Paul infor­miert sich über zwei sehr unter­schied­li­che Kanä­le. Einer­seits über die Tages­schau von SRF, ande­rer­seits über Insta­gram Reels. Schnell fiel ihm ein Unter­schied auf: „In den Nach­rich­ten wird alles neu­tra­ler erklärt. Auf Social Media ist es viel radi­ka­ler.“

Beson­ders die kur­zen Vide­os auf Insta­gram hät­ten ihn zu Beginn stark beein­flusst. „Wenn man lei­den­de Kin­der sieht, wird man auto­ma­tisch emo­tio­nal. Am Anfang habe ich mich davon sehr lei­ten las­sen.“ Die­se Emo­tio­nen führ­ten dazu, dass er begann, Inhal­te unkri­tisch zu über­neh­men. „Ich habe immer mehr sol­che Vide­os ange­zeigt bekom­men, und irgend­wann war ich fast nur noch in die­ser einen Rich­tung unter­wegs.“

Er beschreibt, wie der Algo­rith­mus sei­ne Sicht immer wei­ter ver­eng­te. „Wenn man ein Video län­ger anschaut, merkt sich das der Algo­rith­mus. Dann bekommt man immer mehr davon.“ So rutsch­te er schritt­wei­se in eine ein­sei­ti­ge Sicht hin­ein. „Ich habe gemerkt, dass sich bei mir anti­se­mi­ti­sche Gedan­ken ent­wi­ckelt haben. Das ist im Nach­hin­ein sehr erschre­ckend.“

Heu­te geht er bewuss­ter mit Social Media um. Poli­ti­sche Kurz­vi­de­os mei­det er gröss­ten­teils und ver­lässt sich wie­der stär­ker auf klas­si­sche Nach­rich­ten.

War­um Social Media so stark wirkt

Lau­ra Alt erklärt, wes­halb Jugend­li­che beson­ders anfäl­lig für die­se Mecha­nis­men sind. „Jugend­li­che kon­su­mie­ren heu­te kaum noch klas­si­sche Medi­en. Sie infor­mie­ren sich fast aus­schliess­lich über Social Media.“

Das Grund­pro­blem lie­ge in der Funk­ti­ons­wei­se der Platt­for­men. Nicht sach­li­che Infor­ma­tio­nen wür­den belohnt, son­dern Inhal­te, die star­ke Emo­tio­nen aus­lö­sen. „Je auf­wüh­len­der ein Video ist, des­to häu­fi­ger wird es aus­ge­spielt. Aus­ge­wo­ge­ne, erklä­ren­de Inhal­te haben es deut­lich schwe­rer.“

Hin­zu kom­me, dass Krie­ge heu­te auch online geführt wür­den. „Kon­flikt­par­tei­en ver­su­chen gezielt, die öffent­li­che Mei­nung zu beein­flus­sen. Fake News und Pro­pa­gan­da spie­len dabei eine gros­se Rol­le.“

Durch Fil­ter­bla­sen wür­den die­se Effek­te noch ver­stärkt. Wer sich ein­mal in eine Rich­tung bewe­ge, bekom­me fast nur noch dazu pas­sen­de Inhal­te zu sehen. Gegen­sätz­li­che Mei­nun­gen ver­schwin­den zuneh­mend aus dem eige­nen Blick­feld.

Hass bleibt nicht im Inter­net

Lau­ra Alt warnt davor, die Fol­gen von Online-Hass zu unter­schät­zen. „Anti­se­mi­ti­sche Nar­ra­ti­ve haben seit Beginn des Gaza-Krie­ges stark zuge­nom­men. Jüdin­nen und Juden in der Schweiz wer­den für den Kon­flikt ver­ant­wort­lich gemacht, obwohl sie nichts mit der Poli­tik Isra­els zu tun haben.“

Die­se Ent­wick­lung blei­be nicht auf das Inter­net beschränkt. Auch off­line sei­en mehr anti­se­mi­ti­sche und ras­sis­ti­sche Vor­fäl­le zu beob­ach­ten. Extre­me Fäl­le wie ein Mes­ser­an­griff auf einen jüdi­schen Mann in Zürich zeig­ten, wie gefähr­lich die­se Ent­wick­lun­gen wer­den könn­ten.

Kön­nen Jugend­li­che Fake News erken­nen?

Vie­le wür­den ver­mu­ten, dass Jugend­li­che beson­ders leicht mani­pu­lier­bar sei­en. Lau­ra Alt sieht das dif­fe­ren­zier­ter. „Jugend­li­che sind nicht grund­sätz­lich schlech­ter im Erken­nen von Falsch­in­for­ma­tio­nen als Erwach­se­ne.“ Durch das Auf­wach­sen mit digi­ta­len Medi­en sei­en sie in gewis­sen Berei­chen sogar tech­nisch geüb­ter.

Trotz­dem blei­be das Pro­blem gross. Selbst pro­fes­sio­nel­le Jour­na­lis­ten wür­den sich teils irren. Falsch­mel­dun­gen ver­brei­te­ten sich deut­lich schnel­ler als spä­te­re Rich­tig­stel­lun­gen. Mit der Wei­ter­ent­wick­lung von künst­li­cher Intel­li­genz wer­de die­se Her­aus­for­de­rung wei­ter zuneh­men.

Ihr wich­tigs­ter Rat lau­tet des­halb: Quel­len prü­fen, Ver­glei­che anstel­len, nicht alles sofort glau­ben.

Die Rol­le der Schu­le

Sowohl Paul als auch Lau­ra Alt beto­nen die Bedeu­tung der Schu­le. Paul erzählt von sei­nem Unter­richt im Fach Kom­mu­ni­ka­ti­on und Medi­en. „Wir haben gelernt, wie Medi­en funk­tio­nie­ren und wie sie Mei­nun­gen beein­flus­sen. Das hat mir sehr gehol­fen, vie­les bes­ser ein­zu­ord­nen.“

Lau­ra Alt for­dert, dass Medi­en­kom­pe­tenz ein fes­ter Bestand­teil des Unter­richts sein müs­se. Nicht Ver­bo­te sei­en der rich­ti­ge Weg, son­dern Auf­klä­rung. Jugend­li­che müss­ten ler­nen, kri­tisch mit Infor­ma­tio­nen umzu­ge­hen und ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven ein­zu­ord­nen.

Fazit

Wir sind selbst 16 Jah­re alt. Wir nut­zen täg­lich Insta­gram, Reels und sozia­le Netz­wer­ke. Gera­de des­halb sehen wir, wie schnell sich Mei­nun­gen durch Social Media for­men las­sen.

Pauls Geschich­te zeigt, wie rasch man in eine radi­ka­le Sicht gera­ten kann, ohne es sofort zu mer­ken. Die Ein­schät­zun­gen von Lau­ra Alt machen deut­lich, dass dies kein Ein­zel­fall ist, son­dern ein struk­tu­rel­les Pro­blem der sozia­len Medi­en.

Unse­re Schluss­fol­ge­rung ist klar: Jugend­li­che brau­chen nicht weni­ger Medi­en, son­dern mehr Medi­en­kom­pe­tenz. Nur so kann ver­hin­dert wer­den, dass Emo­tio­nen, Hass und Falsch­in­for­ma­tio­nen die poli­ti­sche Mei­nung stär­ker prä­gen als Fak­ten.

Quel­len und Inter­view­part­ner

Paul Mei­er (17, Name geän­dert), Schü­ler, Inter­view geführt von Nevio Klin­gler
Lau­ra Alt, His­to­ri­ke­rin, Assis­ten­tin für jüdi­sche Geschich­te, Uni­ver­si­tät Basel, Inter­view geführt von Laris Ursprung

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